Ein nasskalter Sonntag und der schockierende Fall der Donau-Barriere
Ein ungemütlicher, nasskalter und regnerischer Sonntag liegt an diesem 22. April 1945 über dem Allgäu. Der stetige, kalte Regen verwandelt die unbefestigten Landstraßen des Günztals in tiefe Schlammpisten. Er drückt die ohnehin von lähmender Ungewissheit geprägte Stimmung der Zivilbevölkerung weiter nieder. Während die Menschen in ihren Häusern ausharren und in die graue Nässe blicken, entfaltet sich nördlich von uns eine militärische Dynamik. Diese besiegelt unser Schicksal endgültig. Das Kriegsende in Obergünzburg wird durch die dramatischen Ereignisse dieses Regentages massiv beschleunigt. Denn die letzte große natürliche Schutzbarriere vor unserer Heimat – die Donau – fällt dem übermächtigen Feind in die Hände.
Ein „zweites Remagen“: Der Durchbruch beschleunigt das Kriegsende in Obergünzburg
Die amerikanische Kriegsmaschinerie lässt sich auch durch das trübe, regnerische Aprilwetter nicht aufhalten. Bereits in den frühen Morgenstunden dieses nasskalten Sonntags setzen die US-Truppen ihren unerbittlichen Vorstoß in zwei Kampfgruppen nach Süden fort. Ihr Ziel ist die Donau. Diese wurde von der zerfallenden Heeresführung im Wehrkreis VII in blinder Illusion als unüberwindbare Verteidigungslinie propagiert.
Doch was sich am späten Vormittag in der schwäbischen Stadt Dillingen abspielt, versetzt das deutsche Oberkommando in Schockstarre. Gegen 11:45 Uhr gelingt einer amerikanischen Vorhut der 7. US-Armee ein handstreichartiger, völlig überraschender Überfall auf die lebenswichtige Donaubrücke. Die amerikanische Infanterie stößt rasant vor. Sie überwältigt die völlig überrumpelte deutsche Brückenwache und zerschneidet in letzter Sekunde die bereits scharfen Zündschnüre. Die Brücke fällt absolut intakt in amerikanische Hand. Dieses operative Desaster für das NS-Regime wird in militärischen Kreisen sofort ehrfürchtig als ein „zweites Remagen“ bezeichnet.
Das offene Tor nach Schwaben und ins Allgäu
Die Einnahme dieser unzerstörten Donaubrücke bei Dillingen hat für das südliche Schwaben und unsere Marktgemeinde fatale und unmittelbare Konsequenzen. Durch diesen amerikanischen Coup ist die viel zitierte, hastig am Schreibtisch konzipierte „Donau-Iller-Linie“ endgültig durchbrochen. Die kampfstarken US-Panzerverbände der 12. US-Panzerdivision können den Fluss nun mühelos überqueren und sich am südlichen Ufer formieren.
Wer an diesem verregneten Nachmittag in Obergünzburg aus dem Fenster blickt, sieht zwar noch keine alliierten Soldaten, doch die militärische Logik ist unerbittlich. Ohne die Donau als natürliche Barriere gibt es zwischen den heranrollenden Sherman-Panzern und unseren Dörfern im Allgäu kein ernstzunehmendes Hindernis mehr. Die rasch vorrückenden US-Verbände haben freie Bahn für den finalen Stoß in Richtung Memmingen, Kaufbeuren, Kempten und Obergünzburg. Das kalte Wasser, das unablässig von den Dächern Obergünzburgs tropft, spült die letzten wirren Durchhalteparolen der Propaganda fort. Die 7. US-Armee hat das Tor nach Südbayern weit aufgestoßen. Unsere Region taumelt an diesem nasskalten 22. April wehrlos der Stunde Null entgegen.