Ein milder Frühsommer legt sich in den Wochen nach dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai 1945 über das Günztal und lässt die Natur erblühen. Doch die wärmende Sonne kann die drückenden Sorgen der Bevölkerung nicht vertreiben. Denn die Nachkriegszeit Obergünzburg beginnt mit gewaltigen Herausforderungen. Die Waffen schweigen endlich. Jedoch weicht der ständige Blick an den Himmel aus Angst vor Tieffliegern der nackten Existenzangst. Ebenso weicht er der Ungewissheit des Besatzungsalltags. Mit diesem Beitrag schließen wir unsere Serie ab. Wir blicken auf die Monate und Jahre, in denen aus den Trümmern der Diktatur langsam eine neue, demokratische Gesellschaft erwuchs.
Strenge Besatzer und das unfassbare Grauen in Irsee
Die US-Militärregierung übernahm in Obergünzburg und den umliegenden Städten zügig die Kontrolle und regierte anfangs mit harter Hand. Getreu ihren Direktiven war den amerikanischen Soldaten jegliche Fraternisierung mit der deutschen Bevölkerung strengstens untersagt. Führende Nationalsozialisten wurden verhaftet. Gleichzeitig versuchte die Militärregierung, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Außerdem wollte sie die vielen befreiten Zwangsarbeiter und ehemaligen KZ-Häftlinge, die sogenannten Displaced Persons, bevorzugt versorgen.
Wie dringend das strenge Durchgreifen der Alliierten in unserer direkten Nachbarschaft war, zeigte sich auf schockierende Weise in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Dort waren im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms zahllose unschuldige Menschen ermordet worden. Unfassbarer Weise mordete das dortige Personal selbst nach dem offiziellen Kriegsende und der deutschen Kapitulation im Mai 1945 heimlich weiter. Erst als die amerikanischen Militärbehörden von diesen Vorgängen erfuhren und massiv einschritten, wurde diesem beispiellosen Grauen vor unserer Haustür endgültig ein Riegel vorgeschoben.
Wohnungsnot und fremde Gesichter im Günztal
Für die Zivilbevölkerung in Obergünzburg änderte sich das tägliche Straßenbild in dieser ersten Friedenszeit dramatisch. Eine nie gekannte Welle von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, vornehmlich aus dem Sudetenland und aus Schlesien, strömte in unsere Region. Innerhalb kürzester Zeit verdoppelten sich die Einwohnerzahlen vieler Orte, was in der Marktgemeinde zu einer massiven Wohnungsnot führte.
Jedes verfügbare Zimmer, jede Scheune und jedes Notquartier musste genutzt werden, um die völlig entkräfteten und heimatlosen Menschen unterzubringen. Dieses Zusammenleben auf engstem Raum verlief nicht immer reibungslos. Denn die oft evangelischen Flüchtlinge trafen auf eine tief katholisch verwurzelte Allgäuer Landbevölkerung. Das erzeugte so manche kulturelle Reibung. Doch diese neuen Mitbürger brachten auch unschätzbares handwerkliches Wissen mit in die Region. Das legte bald darauf den Grundstein für das rasante wirtschaftliche Wunder in der benachbarten Schmuck- und Glasstadt Neugablonz.
Rückkehr zur Tradition und das erste Freischießen
Trotz der allgegenwärtigen Mangelernährung und der tiefen Wunden, die der Krieg in unzähligen Familien hinterlassen hatte, regte sich bald der Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität. In Obergünzburg spielten dabei die Pflege des lokalen Brauchtums und der Arbeitskreis Heimatkunde eine ganz entscheidende, heilende Rolle. Die Menschen sehnten sich danach, wieder unbelastete Gemeinsamkeit erleben zu dürfen.
Im Jahr 1948 wagte die Gemeinde einen ersten großen Schritt und veranstaltete wieder ein Obergünzburger Volksfest. Ein Jahr später, 1949, genehmigte die amerikanische Militärregierung schließlich auch die offizielle Wiederaufnahme des seit dem 17. Jahrhundert verbürgten traditionellen Armbrustschießens. Als die Obergünzburger an diesem Tag wieder zu ihrem geliebten Freischießen zusammenkamen, war dies weit mehr als nur ein Fest. Es war das sichtbare Zeichen, dass die dunkelste Epoche der Geschichte überstanden war. So besaß unsere Heimat allen Widrigkeiten zum Trotz wieder eine friedliche Zukunft.
