Einleitung: Die paradoxe Lage des Allgäus im April 1945
In den ersten Apriltagen des Jahres 1945 gleicht das Allgäu einer Insel trügerischen Friedens, während um sie herum die Welt in Trümmer sinkt. Die strategische Lage ist längst aussichtslos: Die 7. US-Armee hat Franken bereits besetzt und stößt unaufhaltsam nach Süden vor, während im Osten die Rote Armee die verbliebenen Verteidigungslinien der Wehrmacht zerreibt. Das Günztal liegt faktisch in einem Kessel, doch noch herrscht hier eine beklemmende Stille – die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm.
Es ist die „Vorhölle der Stunde Null“. Während die Menschen in Obergünzburg und Umgebung auf den Donner der herannahenden Front warten, zieht sich die Schlinge jedoch zuerst von innen zu. Die größte Gefahr droht nicht durch die alliierten Panzer, sondern durch den eskalierenden Endphasenterror der eigenen Führung. Ein „blindmörderischer Aktionismus“ ergreift die Region, getrieben von einem fanatischen Durchhaltefanatismus, der bereit ist, das eigene Volk für ein längst verlorenes Ziel zu opfern.
Der Terror nach innen: Die Errichtung der Schnellgerichte
Ein Zäsur in dieser Gewaltspirale markiert der 6. April 1945. An diesem Tag erlässt das Wehrkreiskommando VII einen drakonischen Befehl zur Einrichtung von Schnellgerichten. Historisch bedeutsam ist hierbei die dokumentierte Zusammenarbeit: Der Befehl erging laut Quellenlage im ausdrücklichen Einverständnis mit dem Bevollmächtigten Offizier des Reichsführers SS. Diese schleichende „SS-isierung“ der Wehrmacht-Justiz verwischte die Grenzen zwischen militärischer Disziplin und ideologischem Terror-Apparat endgültig.
Zur Überwachung der flutenden Verbände wurde ein engmaschiges Netz aus „Auffanglinien“ und „Versprengten-Sammelstellen“ über das Land gelegt. Für die Soldaten im Raum Obergünzburg bedeutete dies:
- Allgegenwärtige Feldjäger-Abteilungen: Berüchtigte Streifen kontrollierten systematisch Bahnhöfe, Landstraßen und Ortsausgänge, um jeden Rückzug im Keim zu ersticken.
- Sofortige Standgerichte: Wer keinen lückenlosen Marschbefehl vorweisen konnte oder auch nur leise Zweifel an der „Endsieg“-Propaganda äußerte, verfiel der kurzen, gnadenlosen Prozedur dieser Gerichte.
- Die Herrschaft des Stricks: Ziel der Wehrkreis-Bürokratie und der NS-Führung unter Gauleiter Giesler war die totale Lähmung jeglichen Widerstandswillens. Die nackte Angst vor dem Erschießungskommando oder dem Strick an den Straßengräben sollte die Soldaten zum Verbleib in den Stellungen zwingen.
Gefahr aus den Wolken: Der Alltag unter Tieffliegerbeschuss
Während am Boden die eigene Militärjustiz wütete, war der Himmel über dem Günztal zum Hoheitsgebiet der alliierten Luftwaffe geworden. Die Landstraßen zwischen Obergünzburg, Kempten und Kaufbeuren entwickelten sich zu Todeszonen. Da die deutsche Luftwaffe faktisch nicht mehr existierte, war der Himmel „niemals leer“.
Die alliierten Tiefflieger machten unerbittlich „Jagd auf alles, was sich bewegte“. Erst wenige Tage zuvor, am Ostermontag, hatte der Beschuss eines Munitionszuges in der Nähe von Wolfertschwenden gezeigt, wie schnell der Krieg in den privaten Nahbereich einschlug. Für die Zivilbevölkerung wurde das Leben unerträglich:
- Bauern wurden zu Gefangenen auf ihren eigenen Feldern; selbst das Viehhüten wurde zum lebensgefährlichen Wagnis.
- Jeder Schatten am Himmel zwang zur sofortigen Deckung, da die Bordwaffen der Flugzeuge keinen Unterschied zwischen militärischen Kolonnen und bäuerlichen Fuhrwerken machten.
Das mörderische Erbe und das Pulverfass vor der Haustür: Kaufbeuren
Ein regionaler Brennpunkt dieses Wahnsinns war Kaufbeuren mit dem angrenzenden Industriegelände „Hart“. Dort produzierte die Dynamit AG unter Hochdruck Munition für Infanterie und Luftwaffe. Diese Rüstungsschmiede wirkte wie ein Magnet auf alliierte Bomberverbände. Den Menschen in der Region war schmerzhaft bewusst: Solange die Maschinen im „Hart“ liefen, blieb das gesamte Umland ein vorrangiges Ziel verheerender Luftangriffe.
Untrennbar mit dieser Produktion verbunden ist das dunkelste Kapitel der Region: das KZ-Außenlager Riederloh II, ein Außenlager von Dachau. Zwar wurde das Lager formell im Januar 1945 aufgelöst, doch das Grauen war damit nicht beendet. Fast 500 Häftlinge fielen dem Hunger, der Kälte und der mörderischen Willkür der SS-Wachmannschaften zum Opfer. Man kann sagen, dass das Blut von Riederloh der Preis war, mit dem die Produktion der Munition erkauft wurde. Das Wissen um diese Verbrechen und die heraufziehende Sorge vor der Vergeltung durch die Alliierten schufen ein psychologisches Pulverfass.
Fazit: Gefangen zwischen den Fronten
Am 6. April 1945 war die Falle für die Menschen im Günztal endgültig zugeschnappt. Sie befanden sich in einer ausweglosen Zange: Von oben drohte das unerbittliche Feuer der alliierten Tiefflieger, im Inneren wütete eine skrupellose Militärbürokratie, die im Angesicht des Untergangs zur Mörderin an den eigenen Leuten wurde.
Die Region war gefangen zwischen dem fanatischen Vernichtungswillen eines sterbenden Regimes und der Ungewissheit über das, was nach dem Zusammenbruch folgen würde. Das herannahende Rollen der US-Panzer wurde in diesen Tagen für viele zu einer paradoxen Hoffnung: Die Ankunft des Feindes versprach das Ende des Schreckens durch die eigenen Landsleute. Die Schlinge war zugezogen – die Befreiung, so schmerzhaft sie auch sein mochte, war nun die einzige Rettung aus dem mörderischen Klammergriff des Nationalsozialismus.