Trügerischer Sonnenschein, das Feuer von oben und der Wahn der Panzersperren
An diesem Dienstag, dem 17. April 1945, präsentiert sich das Günztal unter einem makellosen Frühlingshimmel. Die Sonne wärmt die Hügel um Obergünzburg. Mancherorts mag die erwachende Natur für einen flüchtigen Moment die Illusion von Frieden vorgaukeln. Doch für die Menschen im Allgäu ist dieser strahlende Sonnenschein ein Fluch. Das klare Wetter macht die Region schutzlos gegen das „Feuer von oben“. Längst bedeutet jedes ferne Motorengeräusch am Horizont nicht mehr nur Fliegeralarm. Stattdessen löst es blanke Panik aus. In dieser Phase der „Stunde Null“ sind alliierte Bomberverbände und unberechenbare Tiefflieger die uneingeschränkten Herrscher des Himmels. Die Bevölkerung weiß, dass die tödliche Gefahr an solchen Tagen besonders nah ist.
Die Schreckensnachrichten aus dem Umland verstärken das Gefühl der drohenden Katastrophe. Während die Front unaufhaltsam näher rückt, blicken die Bewohner mit Sorge auf die Trümmerfelder von Ulm und Memmingen. Die massiven Angriffe auf den Memminger Flugplatz und die Industrieanlagen haben gezeigt, dass keine noch so abgelegene Gemeinde sicher ist. Überall im Allgäu sind die Spuren der Tiefflieger präsent. Sie nehmen Züge unter Beschuss und machen selbst vor Bauernhöfen nicht Halt. Die völlige Unterlegenheit gegenüber den alliierten Luftstreitkräften ist zur bitteren Gewissheit geworden. Man wartet nur noch auf den endgültigen Zusammenbruch. Währenddessen wird der Horizont nachts oft vom Feuerschein brennender Städte erleuchtet.
Inmitten dieser Atmosphäre der Angst wird die Region durch ihre eigene Rüstungsinfrastruktur zum potenziellen Opferplatz. Zwar sind die großen Produktionsstätten im Fokus der Alliierten. Trotzdem sorgt die militärische Führung mit ihren „Sperr- und Verminungsplänen“ für ein zusätzliches, regionales Pulverfass. Während die Zivilbevölkerung fürchtet, dass ein gezielter Luftangriff an einem solch klaren Tag ganze Landstriche in Krater verwandeln könnte, verharrt der bürokratische Apparat in einem Zustand, den man nur als blinden Aktionismus bezeichnen kann. Es herrscht ein bizarres Nebeneinander von Todesangst und Verwaltungsroutine.
Dieser bürokratische Wahnsinn manifestiert sich am 17. April 1945 in einem Befehl des Stellvertretenden Generalkommandos VII A.K., dem Wehrkreiskommando VII. Unter dem Aktenzeichen Az.: K 11/Sp Ia/Kdr. d. Pion. – 19 – Nr. 6502/45 geh. wird die „Vereinheitlichung der Sperrmaßnahmen“ angeordnet. Es ist ein Dokument des militärischen Zerfalls. Während General der Infanterie Karl Kriebel, der Befehlshaber im Wehrkreis VII, in ständigem Konflikt mit dem fanatischen Gauleiter Giesler steht, produzieren die Stäbe weiterhin Papier. In München beraten Bürokraten noch am selben Tag über die „Wirtschaft der Befehlshaber“ und den Erhalt von „Rüstungssubstanz“. Sie agieren, als ließe sich der Untergang durch Aktenvermerke aufhalten. Der Befehl sieht vor, ein tief gestaffeltes Netz von Panzersperren zu errichten. Dieses Unterfangen spiegelt in seiner logistischen Unmöglichkeit die Realitätsverweigerung des Regimes wider.
Die Umsetzung dieses Befehls erfolgt in Obergünzburg und den umliegenden Dörfern auf dem Rücken derer, die das Regime als „letzte Reserven“ betrachtet. Es ist die Realität am Schaufelstiel. Wo kampffähige Männer längst fehlen, werden Greise des Volkssturms und Kinder der Hitlerjugend auf die Straßen getrieben. Mit primitivsten Werkzeugen – oft nur mit stumpfen Äxten, Schaufeln oder den bloßen Händen – müssen diese ungleichen Gruppen Gräben ausheben und schwere Baumstämme bewegen. Es ist ein herzzerreißendes Bild. Die letzten Söhne und die Großväter der Region versuchen unter dem „trügerischen Sonnenschein“, Barrikaden gegen eine Übermacht zu errichten, die sie noch nie gesehen haben.
Hier offenbart sich das tödliche Paradoxon der letzten Kriegstage: der „Wahn der Panzersperren“. Diese hastig zusammengezimmerten Konstruktionen aus Holz und Erde haben der hochmodernen 7. US-Armee und ihren schweren Sherman-Panzern absolut nichts entgegenzusetzen. Zeitgenossen und Experten urteilten später vernichtend über diese Maßnahmen: Die Panzersperren kosteten viel Arbeit und viel Holz. Jedem Laien war klar, dass hier blanker „Dilettantismus am Werke war“. Schlimmer noch: Anstatt Schutz zu bieten, machten diese Sperren die Dörfer erst zu legitimen militärischen Zielen. Wo eine Barrikade den Weg versperrte, antworteten die amerikanischen Panzerspitzen oft mit sofortigem Granatbeschuss auf die angrenzenden Häuser. Dieser Dilettantismus untergrub den ohnehin schwindenden Widerstandswillen der Bevölkerung endgültig.
Das Fazit dieses sonnigen Frühlingstages im April ist von tiefer Tragik gezeichnet. Während die Natur zu neuem Leben erwacht, erlebt das Allgäu das „Endgültige Zerbrechen des Hitler-Mythos“. Das NS-Regime, das seine letzten Kräfte in den Bau sinnloser Holzhindernisse kanalisiert, zwingt seine Menschen dazu, buchstäblich am eigenen Grab zu schaufeln. Die Panzersperren von Obergünzburg sind keine Verteidigungsanlagen, sondern hölzerne Mahnmale eines untergehenden Wahnsinns. In den letzten Kriegstagen wird die absolute Sinnlosigkeit des Widerstands für jeden sichtbar, der mit einer Schaufel in der Hand auf die staubige Landstraße blickt. Dabei kreisen am blauen Himmel die Schatten der kommenden Niederlage.