Stürmischer Regen, der Durchbruch der „Teufelskatzen“ und das Kriegsende in Obergünzburg
1. Einleitung: Das Szenario am 21. April 1945
Der 21. April 1945 legte sich wie ein bleierner Schleier über das Günztal. Ein stürmischer Regen peitschte über die Straßen von Obergünzburg und verwandelte die unbefestigten Wege in tiefen Schlamm. Für die Zivilbevölkerung barg dieses Unwetter eine paradoxe Erleichterung: Während der aufgeweichte Boden jede Bewegung erschwerte, bot die dichte, nasse Wolkendecke den einzigen wirksamen Schutz vor den alliierten Tieffliegern. Normalerweise machten diese sonst ungestört Jagd auf alles, was sich auf den Straßen bewegte. In dieser gedrückten Atmosphäre aus Schlamm und Ungewissheit wartete die Region auf das Unausweichliche. Außerdem schien der Regen die letzten Reste der NS-Propaganda von den Wänden zu waschen.
Der April 1945 zeigte sich im Voralpenland von seiner meteorologisch prächtigsten Seite. Doch für die Menschen im Allgäu bedeutete das strahlende Frühlingswetter keine Idylle, sondern akute Lebensgefahr. In den Logbüchern des vorrückenden 772. US-Panzerbataillons findet sich für diesen Tag die fast schon spöttisch wirkende Notiz:
„The weather was good and no enemy were encountered on the march.“
Zerrissene Fronten, rasanter Panzer-Vorstoß und der Wahn am Schreibtisch
Der Frühling 1945 zeigte sich im Allgäu von seiner milden Seite. Während die Sonne über Obergünzburg stand und das Günztal in einem fast surrealen Frieden lag, vollzog sich im Hintergrund der endgültige Zusammenbruch. Das, was einst als organisierte Verteidigung galt, glich an diesem 18. April nur noch einem zusammenbrechenden Kartenhaus. Zwischen der zerberstenden Front im Norden und dem Mythos der „Alpenfestung“, an den in den Berliner Bunkern noch immer geglaubt wurde, geriet das Allgäu in ein tödliches Vakuum. Die administrative Ordnung der Wehrmacht existierte vielerorts nur noch auf dem Papier. Gleichzeitig rollte die Realität des Krieges mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit auf die Region zu.
Trügerischer Sonnenschein, das Feuer von oben und der Wahn der Panzersperren
An diesem Dienstag, dem 17. April 1945, präsentiert sich das Günztal unter einem makellosen Frühlingshimmel. Die Sonne wärmt die Hügel um Obergünzburg. Mancherorts mag die erwachende Natur für einen flüchtigen Moment die Illusion von Frieden vorgaukeln. Doch für die Menschen im Allgäu ist dieser strahlende Sonnenschein ein Fluch. Das klare Wetter macht die Region schutzlos gegen das „Feuer von oben“. Längst bedeutet jedes ferne Motorengeräusch am Horizont nicht mehr nur Fliegeralarm. Stattdessen löst es blanke Panik aus. In dieser Phase der „Stunde Null“ sind alliierte Bomberverbände und unberechenbare Tiefflieger die uneingeschränkten Herrscher des Himmels. Die Bevölkerung weiß, dass die tödliche Gefahr an solchen Tagen besonders nah ist.