Tödliche Frühlingssonne, der Wahn in Ulm und der Beginn der Todesmärsche
Ein strahlender, klarer Frühlingsmontag bricht am 23. April 1945 über dem Allgäu an. Amerikanische Panzereinheiten, die unaufhaltsam nach Südosten vorstoßen, notieren an diesem Tag fast schon lapidar in ihren Einsatzberichten: „Die Straßen und das Wetter waren beide gut“. Doch was für die anrückenden US-Truppen einen schnellen Vormarsch begünstigt, ist für unsere Region ein fataler Umstand. Das Kriegsende in Obergünzburg und dem gesamten Günztal rückt auf den trockenen, staubigen Landstraßen bei idealem Panzer-Wetter mit rasender Geschwindigkeit näher. Während die Natur zu neuem Leben erwacht, entblößt das strahlende Frühlingswetter die ganze mörderische Fratze der zerfallenden Diktatur.
Das Kriegsende in Obergünzburg rückt näher: Der „äußere Ring“ von Ulm
Nördlich von uns, in Ulm – dem strategischen Tor nach Oberschwaben, Memmingen und das Allgäu –, versucht die radikale NS-Führung an diesem 23. April, das Unaufhaltsame mit nacktem Zwang abzuwenden. Anstatt die militärisch längst verlorene Stadt kampflos zu übergeben, wird an diesem Montag auf direkten Befehl der SA der sogenannte „äußere Ring“ der Stadt besetzt.
Dafür greift das Regime auf das allerletzte Aufgebot zurück: Es sind eilig zusammengetrommelte Volkssturmkompanien aus alten Männern. Diese werden den todbringenden US-Panzern entgegengestellt. Zwar ist der tatsächliche militärische Verteidigungswille dieser hastig rekrutierten Truppen verschwindend gering, und viele werden wenig später kampflos weichen. Doch für die Zivilbevölkerung in den Landkreisen südlich von Ulm bis nach Obergünzburg bedeutet dieser Fanatismus der Parteifunktionäre ständige Lebensgefahr. Jede sinnlose Straßensperre, hinter der sich versprengte Truppen verschanzen, provoziert vernichtendes amerikanisches Artilleriefeuer auf unsere Dörfer.
Das Grauen im Sonnenschein: Die Evakuierung von Kaufering
Während sich die Wehrmacht vielerorts auflöst, treibt die SS ihr Morden auf einen letzten, unbegreiflichen Höhepunkt. In diesen mittleren Apriltagen, beginnend um den heutigen 23. April, fällt der Befehl zur Evakuierung der riesigen KZ-Außenlagerkomplexe bei Landsberg und Kaufering. Da die US-Truppen immer näher rücken, sollen die Zeugen der Vernichtung verschwinden.
Tausende bis auf die Knochen abgemagerte, todkranke und völlig entkräftete Häftlinge werden aus den Lagern getrieben. In offenen Kohlewaggons oder zu Fuß werden sie in Richtung Dachau und in den Süden gezwungen. Wer auf den sonnenbeschienenen Straßen vor Erschöpfung zusammenbricht, wird von den SS-Wachmannschaften gnadenlos erschossen.
Das strahlende, warme Frühlingswetter an diesem 23. April verhöhnt das Leid dieser geschundenen Menschen auf eine schier unerträgliche Weise. Für die Menschen im Allgäu, die diese Elendszüge aus der Ferne oder direkt vor der eigenen Haustür mitansehen müssen, zerreißt der letzte Schleier der Unwissenheit. Obergünzburg wartet an diesem Montag zitternd auf die erlösende „Stunde Null“ – in einer Heimat, auf deren Landstraßen nun der Tod marschiert.