Ein unaufhörlicher, dichter Schneefall legt sich am 2. Mai 1945 wie ein schweres, weißes Leichentuch über das Günztal. Was sich am Vortag als plötzlicher Wintereinbruch angekündigt hatte, wächst sich nun zu einer massiven Wetterfront aus, die das Allgäu in eiskalter Erstarrung gefangen hält. Für die verängstigte Zivilbevölkerung ist das Kriegsende in Obergünzburg bereits zur friedlichen Realität geworden, da sich die amerikanischen Verbände längst weiter in Richtung der rettenden Alpen gewälzt haben. Doch das extreme Maiwetter zwingt die eiserne militärische Maschinerie in der unmittelbaren Nachbarschaft nun endgültig zu einem unfreiwilligen und frostigen Halt.
Tiefer Schnee bremst den Vormarsch nach dem Kriegsende in Obergünzburg
Die amerikanischen Panzereinheiten, die unsere Marktgemeinde und die umliegenden Städte in den vergangenen Tagen in rasantem Tempo eingenommen hatten, stehen südlich von Füssen nun buchstäblich im tiefen Schnee. Das 772. US-Panzerbataillon, das tief in die Gebirgstäler an der österreichischen Grenze vorgedrungen ist, meldet für den heutigen 2. Mai keinerlei Feindkontakt mehr. Stattdessen notieren die feststeckenden Panzerbesatzungen in Gebirgsorten wie Ehrwald, Lermoos und Reutte resigniert, wie der Schnee um sie herum beständig tiefer wächst.
Die unbefestigten und ohnehin von der abziehenden Wehrmacht durch Sprengungen zerstörten Passstraßen sind für die tonnenschweren Sherman-Panzer und die wichtigen Nachschubkolonnen absolut unpassierbar geworden. Ohne feindliche Gegenwehr und fernab jeglicher Kampfhandlungen verharren die GIs untätig in der eiskalten Winterlandschaft. Die Natur erzwingt an diesem Mittwoch jenen militärischen Stillstand, den die zersprengten deutschen Verteidigungslinien schon lange nicht mehr leisten konnten.
Verhandlungen über die Kapitulation der Heeresgruppe G
Während die amerikanischen Soldaten an der Grenze frierend auf eine Wetterbesserung warten, fallen auf höchster militärischer Ebene die finalen, längst überfälligen Entscheidungen. Generalfeldmarschall Albert Kesselring, der Befehlshaber der deutschen Heeresgruppe G, leitet am heutigen 2. Mai offiziell die Verhandlungen über eine bedingungslose Teilkapitulation seiner verbliebenen Verbände in Süddeutschland ein. Dieser entscheidende Schritt erfolgt nach einer direkten Rücksprache mit Karl Dönitz, der nach dem Selbstmord Hitlers in das Amt des Reichspräsidenten aufgerückt ist.
Der wahnwitzige Plan einer unbezwingbaren Alpenfestung löst sich damit auch auf dem Papier endgültig in Luft auf. Die verbliebenen Truppenteile haben im Chaos der letzten Wochen den Kontakt zueinander verloren und sind einer geordneten, geschlossenen Kampfführung nicht mehr fähig. Unter der dicken, weißen Schneedecke dieses 2. Mai 1945 kehrt im Allgäu endlich eine bedrückende, aber friedliche Stille ein, während die letzten bürokratischen Akte des sterbenden NS-Regimes das Ende des Blutvergießens in unserer Heimat besiegeln
