1. Mai 1945

1. Mai 1945

Ein überraschend starker Schneefall verwandelt das Allgäu an diesem 1. Mai 1945 in eine eiskalte Winterlandschaft. Die dicken weißen Flocken fallen unaufhörlich auf die Dächer des Günztals. Sie hüllen die Spuren der vergangenen, dramatischen Tage in eine trügerische, friedliche Stille. Für die Zivilbevölkerung ist das Kriegsende in Obergünzburg nun endgültig zur unumstößlichen Realität geworden. Doch die vorrückenden amerikanischen Verbände kämpfen in der unmittelbaren Nachbarschaft einen erbitterten Kampf gegen die extremen Launen der Natur. Das eisige Maiwetter zwingt die eiserne amerikanische Kriegsmaschinerie auf ihrem weiteren Weg in Richtung der Alpen förmlich in die Knie.

Gesprengte Brücken und Schnee bremsen nach dem Kriegsende in Obergünzburg den Vormarsch

Die amerikanischen Panzereinheiten, die unsere Marktgemeinde noch vor wenigen Tagen eingenommen hatten, stoßen nun südlich von Füssen auf schier unüberwindbare Hindernisse. Das 772. US-Panzerbataillon, das tief in die Berge vordringen soll, meldet für den heutigen 1. Mai außergewöhnlich starken Schneefall. Die Sicht ist miserabel, und die unbefestigten Gebirgswege verwandeln sich zusehends in lebensgefährliche, rutschige Pisten für die schweren Militärfahrzeuge.

Zusätzlich zum brutalen Wintereinbruch zeigt Hitlers fanatischer Zerstörungsbefehl hier in der gebirgigen Grenzregion fatale Auswirkungen auf die lokale Infrastruktur. Aufklärer der US-Armee melden an diesem Dienstag beim Vormarsch in Richtung der österreichischen Nachbarorte Ehrwald und Lermoos, dass die Wege für die tonnenschweren Sherman-Panzer absolut unpassierbar geworden sind. Die abziehenden deutschen Verbände und Pioniere haben fast alle Brücken auf den Alpenrouten systematisch in die Luft gejagt. Sie haben stellenweise sogar gewaltige Erdrutsche künstlich ausgelöst.

Der amerikanische Vorstoß gerät an diesen massiven natürlichen und künstlichen Barrieren massiv ins Stocken. Während sich die Menschen im Günztal am warmen Ofen über die überstandene militärische Gefahr freuen können, müssen sich die alliierten Einheiten bei eisigen Temperaturen und starkem Schneetreiben den Weg durch das blockierte Gelände südlich von Füssen mühsam freikämpfen.

Pontonbrücken im Osten und ein eiskalter Tag der Arbeit

Auch weiter östlich kämpft die US-Armee erbittert mit den Nachwehen der deutschen Zerstörungswut. Da die regulären Flussübergänge der Isar durch die Wehrmacht auf dem Rückzug gnadenlos gesprengt wurden, quälen sich die Verbände der 14. US-Panzerdivision in der vergangenen Nacht und am heutigen 1. Mai über hastig zusammengezimmerte Pontonbrücken. Die ohnehin überlasteten Nachschubwege müssen von den Pionieren mühsam mit Holzplanken befestigt werden, um das völlige Versinken der lebenswichtigen Treibstofflaster im aufgeweichten Schlamm zu verhindern.

Dieser 1. Mai, der von den Nationalsozialisten ein Jahrzehnt lang pompös und lautstark als „Nationaler Feiertag des deutschen Volkes“ zelebriert worden war, ist nun zu einem eiskalten, stillen Mahnmal des totalen Zusammenbruchs geworden. Es gibt heute keine Aufmärsche mehr, keine wehenden Hakenkreuzfahnen und keine hohlen Propagandareden. Stattdessen deckt der starke Schneefall gnädig die frischen Bombenkrater, die tiefen Spuren der Panzerketten und die Trümmer der gesprengten Allgäuer Brücken ab. Währenddessen hoffen die Menschen hinter ihren Fenstern auf einen echten, friedlichen Frühling.


Lagekarte der US-Army vom 02.05.1945
Lagekarte der US-Army vom 02.05.1945

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