27. April 1945

27. April 1945

Ein ungewöhnlich warmer und sonniger Frühlingsfreitag bricht am 27. April 1945 über dem Günztal an. Das herrliche Wetter steht im extremen Kontrast zu der dramatischen militärischen Lage, die unsere Heimat an diesem Schicksalstag endgültig einholt. Das tiefe Grollen von schweren Motoren kündigt das unvermeidliche Kriegsende in Obergünzburg unüberhörbar an. Die aufwirbelnden Staubwolken der anrückenden amerikanischen Militärmaschinerie verdunkeln den blauen Himmel und beenden das bange Warten der Zivilbevölkerung.

US-Panzer rollen vor und das Kriegsende in Obergünzburg ist da

An diesem 27. April vollzieht sich die eigentliche militärische Besetzung unserer Marktgemeinde. Der erste Zug der Company „A“ des 772. US-Panzerbataillons rückt auf seinem Vormarsch in Richtung Alpen direkt in Obergünzburg ein. Die schweren Sherman-Panzer wälzen sich unter der wärmenden Frühlingssonne in unsere Straßen. Währenddessen haben sich die verbliebenen, führungslosen Reste der Wehrmacht längst kampflos abgesetzt.

Für die Zivilbevölkerung in Obergünzburg weicht die monatelange, lähmende Existenzangst nun der nackten Realität der militärischen Besatzung. Der befürchtete fanatische Endkampf vor der eigenen Haustür und die sinnlose Zerstörung der örtlichen Infrastruktur bleiben unserer Gemeinde glücklicherweise erspart. Die amerikanischen Truppen übernehmen zügig und geordnet die Kontrolle über das Günztal. Damit markieren sie den Anbruch der langersehnten „Stunde Null“.

Weiße Taschentücher und die mutige Rettung von Kaufbeuren

Wie schmal der Grat zwischen völliger Vernichtung und Rettung an diesem warmen Freitag ist, zeigt ein Blick in unsere direkte Nachbarstadt Kaufbeuren. Auch dorthin rücken die amerikanischen Infanterieverbände unaufhaltsam vor. Doch der dortige Bürgermeister Karl Deinhardt hat in letzter Minute und unter Lebensgefahr den Abzug der letzten deutschen Verteidiger erwirkt. Als die schwer bewaffneten US-Soldaten am frühen Nachmittag in das Stadtzentrum einbiegen, stellt sich ihnen Studienrat Gessenharter als Dolmetscher mutig entgegen.

Mit einem einfachen weißen Taschentuch winkend, signalisiert er den Amerikanern vor dem Rathausportal auf Englisch die kampflose Übergabe der Stadt. Diese höchst riskante und beherzte Tat bewahrt Kaufbeuren in letzter Sekunde vor einem sonst unvermeidlichen Artilleriebeschuss. Unter dem sonnigen Himmel dieses 27. April 1945 enden Krieg und Diktatur in unserer Region. Währenddessen blicken die Menschen im Allgäu inmitten der amerikanischen Panzer einer völlig neuen und ungewissen Zukunft entgegen.


Lagekarte US-Army

Lagekarte der US-Army vom 28.04.1945
Lagekarte der US-Army vom 28.04.1945

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