Zerrissene Fronten, rasanter Panzer-Vorstoß und der Wahn am Schreibtisch
Der Frühling 1945 zeigte sich im Allgäu von seiner milden Seite. Während die Sonne über Obergünzburg stand und das Günztal in einem fast surrealen Frieden lag, vollzog sich im Hintergrund der endgültige Zusammenbruch. Das, was einst als organisierte Verteidigung galt, glich an diesem 18. April nur noch einem zusammenbrechenden Kartenhaus. Zwischen der zerberstenden Front im Norden und dem Mythos der „Alpenfestung“, an den in den Berliner Bunkern noch immer geglaubt wurde, geriet das Allgäu in ein tödliches Vakuum. Die administrative Ordnung der Wehrmacht existierte vielerorts nur noch auf dem Papier. Gleichzeitig rollte die Realität des Krieges mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit auf die Region zu.
Das Phantom der Alpenfestung und der unsichtbare Feind
Es ist Samstag, der 14. April 1945. Über Obergünzburg liegt eine bleierne Schwere, während der Dauerregen unaufhörlich auf das Allgäu niedergeht. Der dichte Nebel aus dem Günztal kriecht in die Gassen und hüllt die aufgeweichten Wege in ein fahles Grau. Eine gespenstische Stille herrscht in der Luft – die alliierten Jagdbomber, die sonst Tod und Verderben säen, müssen heute aufgrund der Witterung am Boden bleiben. Hinter den Fenstern verharren die Menschen in beklemmender Ungewissheit, während der Terror des Endkampfes näher rückt. Es ist ein Warten auf den unsichtbaren Feind, der längst nicht mehr nur von außen droht.
Es ist ein bleigrauer Freitag, der sich über die Marktgemeinde Obergünzburg legt. Ein unbarmherziger Dauerregen verwandelt die ohnehin strapazierten Straßen in tiefe Schlammpisten. Die Sicht ist an diesem 13. April so schlecht, dass die sonst allgegenwärtigen US-Tiefflieger am Boden bleiben müssen. Für die militärische Führung ist dies ein zynischer Trost: Nur die dichte Wolkendecke erlaubt es überhaupt noch, dass bescheidene Reste von Nachschub und Truppenteilen über die aufgeweichten Wege rollen können, ohne sofort vernichtet zu werden. Die Atmosphäre ist beklemmend, aufgeladen mit der Gewissheit des nahenden Zusammenbruchs.